Die Stube — Architektur einer fränkischen Wirtshausform
Holzvertäfelt, halbhoch, mit drei bis fünf Tischen und einer Bank an der Wand. Die fränkische Stube ist eine architektonische Form, kein Raumdekor — und ihre Bauelemente lassen sich bis in das 18. Jahrhundert zurückverfolgen.
Wer ein fränkisches Wirtshaus betritt, weiß sofort, ob es eine Stube hat oder nicht. Die Stube ist nicht einfach der hintere Gastraum — sie ist eine architektonische Form mit klaren Maßen, klaren Funktionen und einer eigenen Geschichte. Sie unterscheidet das fränkische Wirtshaus von der bayerischen Schenke und vom thüringischen Lokal. Im Mai 2026, wo viele Wirtshäuser nach der Winterpause wieder voll laufen, ist es ein guter Zeitpunkt, die Form genau anzuschauen.
Die Maße
Eine klassische fränkische Stube misst zwischen 18 und 30 Quadratmeter. Sie liegt meist im hinteren Bereich des Hauses, oft mit Blick auf den Hof oder den Garten, manchmal als zweiter Raum hinter dem Schank. Drei bis fünf Tische, je nach Schnitt, mit Bänken an mindestens zwei Wänden. Die Höhe der Vertäfelung liegt bei etwa 1,40 bis 1,60 Meter — kniehoch beginnt sie nicht, schulterhoch endet sie nicht. Es ist genau die Höhe, die einen sitzenden Menschen vom kalten Mauerwerk abschirmt, ohne ihm den Lichteinfall zu nehmen.
Die Holzart
Eiche oder Fichte, je nach Region und Wohlstand des Erbauers. In den Wirtshäusern um Bamberg und im Aischgrund findet sich häufiger Eiche — dunkler, härter, langlebiger. Zwischen Nürnberg und Lauf dominiert die Fichte, die weicher ist und sich leichter bearbeiten lässt. Beide Hölzer werden über die Jahrzehnte dunkel; eine Stube, die seit 1890 in Betrieb ist, hat eine Patina, die kein modernes Restaurant simulieren kann.
Die Bank
Die Bank an der Wand ist der eigentliche architektonische Kern. Sie ist gerade tief genug, um bequem zu sitzen (45 bis 48 cm Sitztiefe), gerade niedrig genug, um den Kopf nicht in die Schultern zu pressen (Sitzhöhe 44 bis 46 cm). Ihre Lehne ist Teil der Vertäfelung — Bank und Wand sind dasselbe Möbel. Wer sich hineinsetzt, ist räumlich gefasst: rechts und links die Wand, vorne der Tisch, dahinter die Stube. Das ist die Geometrie des Sich-Niedersetzens, und sie funktioniert seit zweihundert Jahren.
Die Lampen
Über jedem Tisch eine Lampe, leicht abgehängt, warmes Licht (2700 K oder darunter). In den älteren Stuben sind es noch Petroleumlampen, die zur Stromzeit elektrifiziert wurden — die Schirme haben oft Patina, manchmal Risse. Was zählt, ist die Lichtfarbe: kalte Lampen über dem Stubentisch zerstören die Form, weil das Licht das Holz grau erscheinen lässt. Ein guter Wirt kennt das Phänomen und tauscht ausgefallene Lampen mit gleicher Farbtemperatur nach.
Die Akustik
Eine Stube ist nicht still, aber sie ist nicht laut. Das Holz absorbiert hohe Frequenzen, der Steinboden reflektiert tiefe; die Mischung sorgt dafür, dass mehrere Tischgespräche parallel laufen können, ohne sich gegenseitig zu übertönen. Die akustische Dichte der Stube ist eines der Argumente, warum sich Wirtshausgäste so lange dort aufhalten. Wer einmal in einer Stube zwei Stunden am Tisch gesessen ist und am Ende keine Ohrenmüdigkeit spürt, kennt den Unterschied zu modernem Gastraum-Design mit Glas und Beton.
Die Erhaltungsfrage
Viele alte fränkische Stuben verschwinden, weil Modernisierungen den Raum hell, offen und akustisch arm machen — ein Verlust, der nicht in Quadratmetern messbar ist. Wir notieren in ZWIBL gelegentlich, welche Wirte in Mittelfranken die Stube bewusst erhalten haben, und welche neu gebauten Wirtshäuser die Form weiterführen. Es gibt sie, die jungen Wirte mit Stube, und sie machen das nicht aus Nostalgie, sondern weil die Stube als Raumform funktioniert. Ein gut gebauter Raum ist immer auch ein langlebiger Raum — das gilt in Mittelfranken seit dem 18. Jahrhundert.